03/2019

„Wir brauchen eine Ermöglicherkultur“

Wolf Lotter, Journalist, Buchautor, Gründungsmitglied von brand eins und Zukunftstag-Keynoter über die Transformation der Industrie- in die Wissensgesellschaft.

Wolf Lotter_c_Sarah-Esther Paulus


Was passiert in naher Zukunft mit der Industrie, wenn wir in einer Wissensgesellschaft leben? Gibt es dann bei uns keine Fabriken mehr?

Wolf Lotter: Veränderungen sind keine Revolutionen. Veränderung sind Evolution. Sie laufen langsam und allmählich und sie verbinden das Bestehende und das Neue Schritt für Schritt miteinander. Ein Blick in eine moderne Fabrik genügt, um zu sehen, dass die völlig anders aussieht als eine vor sechzig, siebzig Jahren, als dort noch laute und dampfende Maschinen die Lärm- und Hitzekulisse für tausende Arbeiter abgaben. Neue Fabriken sind hell, sauber und voller Roboter. Menschen machen darin eine weit bessere, sicherere Arbeit als es meine Vorfahren machen mussten, die in der steirischen Stahlindustrie und in der Landwirtschaft gearbeitet haben. Warum gingen denn die Knechte von den Höfen in die Fabriken?

Warum gingen sie?

Lotter: Weil es bessere Arbeitsbedingungen gab. Den Ausbildungsstand und das Leben von Spezialisten in Fabriken kann man überhaupt nicht mit dem vergleichen, was damals war. Und so gilt auch: Fabriken gibt es weiterhin, aber sie sind nicht mehr das, was sie einmal waren – so wenig wie ein „Wagen“ heute etwas ist, was ein Ochs durch die Gegend zieht, sondern ein hochtechnologisches Fahrzeug.

Wie und was werden die Menschen in der Wissensgesellschaft arbeiten? Wovon sollen sie leben?

Lotter: Das ist keine Frage der Zukunft. Die Leute leben bereits davon, und zwar die meisten. Reine, klassische Industriearbeitsplätze – wobei man diese ja auch noch von Kopfarbeitern wie Ingenieuren oder Experten bereinigt sehen müsste – wie viele gibt es denn da noch? Wichtiger ist die soziokulturelle Realität. Der Ökonom Peter Drucker hat vor Jahrzehnten gesagt: Ein Wissensarbeiter ist jemand, der mehr über seine Arbeit weiß als sein Chef. Das ist der Punkt.

Inwieweit unterscheidet sich dann die neue von der alten Arbeitswelt?

Lotter: Alte Arbeit bestand darin, dass der Gutsherr, der Fabrikschef, der Manager den Leuten genau gesagt hat, was sie zu tun haben, und die haben gemacht. Der eigentliche Schlüssel der Wissensgesellschaft ist also Selbstbestimmung und Selbstständigkeit, weil der Bildungsgrad und das persönliche Know-how der Person so gestiegen sind, dass es vielfach halt so ist, dass das Management die Wissensrealität nur mehr zur Kenntnis nehmen kann. Deshalb sprechen wir ja auch vom Abschied vom Management, der Anordnungs- und reinen Organisationsmethodik und dem Wiedererstarken des Leaderships.

Und was muss dann eine moderne Führungskraft können?

Lotter: Als Chef braucht man heute Leute, die ihren Mitarbeitern das ermöglichen, was diese schon können und ihnen den Weg freiräumen. Keine Eltern mehr wie früher. Der Herr Direktor, der alles weiß, der wird immer seltener. Dafür kommen die Ermöglicher, wie ich es in meinem Buch „Innovation“ nenne. Der Haken dabei wird das Thema meines neuen Buches sein, das 2020 erscheint.

Welchen Haken meinen Sie?

Lotter: Wir brauchen für diese Arbeitsweise und die Gesellschaften, die dabei entstehen, einen neuen Zusammenhangsbegriff. Es ist sehr gut, dass die Leute ihre Persönlichkeit leben können, ihre Talente entfalten. Aber sie müssen noch wissen, wie das mit dem Leben und Arbeiten der anderen zusammenhängt. Sonst haben wir – technisch und kulturell gesprochen – nur mehr Fachidioten, die sich gegenseitig auf die Nerven gehen und missverstehen. Wie auf Twitter und Facebook also, die ja nur ein Spiegel dessen sind, was längst läuft.

Wie wird sich unser Alltag verändern? Was wird man in dieser Wissensgesellschaft wissen müssen?

Lotter: Wir werden erheblich selbstständiger sein müssen und lernen das gerade. Was ich vorhin als Problem beschrieben habe, ist natürlich auch der Weg dorthin. Er erscheint uns nur so schwierig, weil wir noch keine Erfahrung mit der Selbstständigkeit als Lebensform haben. Damit kommen viele nicht zurecht. Bisher hat uns immer noch jemand gesagt, was gut für uns ist. In der Wissensgesellschaft muss man also zuerst wissen, was man will und wer man ist, welche Talente man hat.

Wie kommt man dazu?

Lotter: Durch eine Bildung, die zu Bildung ermächtigt. Also Lernen lernen. Heute pumpen wir unsere Kinder mit Auswendiglernen voll. Datenschrott, der schon nach ein paar Jahren überholt ist. Wichtig wären alle Techniken, mit denen man dazulernt, Werkzeuge des Erschließens der Welt und vor allem eine Kultur, die sagt: „Fürchte dich nicht, du schaffst das. Und wir helfen dir dabei, wo es geht“ – das ist die Ermöglicherkultur.

Wie geht Innovation, Kreativität, neues Denken und vor allem: Wie nimmt man den Menschen die Angst vor dem Wandel? 

Lotter: Indem wir alles dazu tun, dass die Leute das Selbstbewusstsein haben, erst die Lösung selbst zu versuchen. Jede Form von Innovation und Kreativität ist ein Vorgang, bei dem ich mir zutrauen muss, etwas Besseres zu machen als das, was da ist. „Man“ nimmt den Menschen nicht die Angst vor dem Wandel – das tun sie von selbst.

Voriger Beitrag

Gutes Morgen!

Nächster Beitrag

"Gefährlich ist nicht die Künstliche Intelligenz, sondern die natürliche Dummheit"