03/2019

“Gefährlich ist nicht die Künstliche Intelligenz, sondern die natürliche Dummheit”

Anders Indset ist einer der führenden Wirtschaftsphilosophen und Bestsellerautor. Politiker und Manager weltweit folgen seinem Rat. Am Zukunftstag spricht er über das “Leben und Arbeiten 2030 – was kommt nach der Digitalisierung?”. Wir haben schon jetzt beim gebürtigen Norweger nachgefragt.

Anders_Indset_Portrait ©Indset

Wann sind wir zu Ende digitalisiert?

Anders Indset: Uns wird erzählt, dass wir uns mitten in der digitalen Transformation befinden. Nur haben wir nie definiert, zu was wir uns transformieren wollen. Im Englischen gibt es dafür übrigens zwei Worte: Digitalization und Digitization. Das Erste meint einfach analoge Informationen digital machen, zu Nullen und Einsen, und macht ohne Technologie und Automatisierung eigentlich nichts. Digitization meint dagegen das digital machen von Physischem. Das muss man unterscheiden und für beide Formen gibt es im Prinzip kein Ende. Zudem kommt, dass wir die wirklich radikalen Einflüsse erst die nächsten 10 Jahre erleben werden.

Und zu was werden wir uns transformieren?

Indset: Das ist die neue große philosophische Frage für jeden von uns. Nur, weil wir etwas tun können, heißt das noch lange nicht, dass wir es auch tun sollten. Wenn wir eine Verlängerung der humanistischen Basis wollen, auf der unsere moderne Gesellschaft aufgebaut ist, müssen wir uns jetzt die Frage stellen, was wir erreichen wollen, in anderen Worten, welche Zukunft ist für uns erstrebenswert?

Also könnte die Digitalisierung das Ende des Humanismus bedeuten?

Indset: Das wäre eine Option. Darum müssen wir etwas tun. Wir müssen verschiedene Szenarien weiterdenken, zum Beispiel den Fall, dass wir unsere Lebensgrundlage, also unseren Planeten, zerstören oder auch, dass wir eine digitale Superintelligenz kreieren. Ich nenne das die letzte narzisstische Kränkung. Wir meinen, mit unseren Affengehirnen so eine Superintelligenz zu schaffen und dann auch noch kontrollieren zu können. Aber was würde es wirklich für uns bedeuten, wenn wir mit etwas konfrontiert wären, das zum Beispiel einen IQ von 3.000 hat?

Was könnte in einem solchen Szenario passieren?

Indset: Wenn wir jegliche Autorität in Algorithmen verlagern und die dann alles besser können als wir, werden wir zu Reaktionswesen und damit obsolet. Homo Obsoletus – der überflüssige Mensch. Irrelevanz ist das Schlimmste, was uns passieren kann. Wir werden Sklaven der Technologie und verlieren vielleicht die ganze Basis, auf der wir unsere Ethik und Werte aufgebaut haben. Erstmals in der Geschichte der Menschheit wandert jetzt die Autorität vom Menschen hin zum Algorithmus.

In welche Richtung sollten wir uns also entwickeln, damit es nicht so weit kommt?

Indset: Wir brauchen eine Gesellschaft des Verstandes und müssen Dinge hinterfragen. Gefährlich ist nicht die Künstliche Intelligenz an sich, sondern die natürliche Dummheit. Wir werden dann faul und verlassen uns auf die Algorithmen. Die größten Fortschritte in der Geschichte der Menschheit kamen nicht einfach mit dem Geistesblitz aus dem Nichts, sondern aus dem Versuchen und Scheitern, aus gemachten Fehlern. Und Algorithmen machen keine Fehler. Da würden wir verlieren.

Was ist konkret zu tun?

Indset: Wir müssen Systeme bauen, wo wir Spielwiesen für Experimente haben, Fehler machen und Intuition und Bauchgefühl einsetzen können. Sinneserlebnisse müssen viel stärker zur Geltung kommen. Die Old Economy ist tot und die Versprechung der New Economy aus den 1990ern, mit den Jachten und Ferraris für alle wird es nicht geben. Wir brauchen eine neue Form des Kapitalismus auf Basis von Mitgefühl, Liebe und Verstand. Wir müssen lernen, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln und eine echte zirkuläre Kreislaufwirtschaft in der Verantwortung des Herstellers, um den Ressourcenverbrauch zu reduzieren. Ich nenne das die Quantenwirtschaft.

Wie kommen wir zu dieser Art der nachhaltigen Ökonomie?

Indset: Erster Ansatz muss es für die Gesellschaft sein, die Wirtschaft neu zu denken. Wenn wir keine stabile Wirtschaft haben, steht uns eine schlimme Zeit mit sozialen Unruhen bevor. Was würde passieren, wenn uns massenhaft Jobs wegfallen? Es geht darum, das unvollendete Kapitalismussystem von Adam Smith weiterzudenken. Kapitalismus ist kein schlechtes System, aber es braucht auch Mitgefühl. Und damit müssen wir jetzt beginnen. Das ist für mich die essenzielle Basis für den Fortschritt der Menschheit.

Und wie schaffen wir das mit unseren auf Konsum getrimmten Affenhirnen?

Indset: Die Entwicklung geht schon in die richtige Richtung. Ich nehme vor allem bei jungen Leuten weltweit ein stärkeres Bewusstsein für den Zustand der Welt wahr. Ich spüre auch ein Wollen bei vielen Forschern und Führungskräften, etwas zu tun. Bei den Leuten, die das beschleunigen könnten und die Ressourcen haben, fehlt noch das Gefühl, weil man jahrzehntelang in einem System gelebt hat, wo alles nur auf Nullen und Einsen sowie den Kontostand reduziert wurde. Ich kenne viele Milliardäre, die hassen dieses Leben. Wir sehen auch, dass es in diesen Kreisen sozialen Druck gibt, das Vermögen wieder in den Kreislauf zurückzugeben. Mach Geld, aber gib es wieder ins System zurück, teile es und lass auch jemand anderes sein Spiel damit machen.

Also sind die jungen Leute unsere Hoffnung?

Indset: Vor allem die Jungen, aber auch ihre Lehrer. Die müssen auch dementsprechend ausgebildet werden, um mehr praktisch anwendbare Philosophie in den Schulen zu lehren. Es wird auch lokale Initiativen geben, bei denen die Bürgermeister eine wichtige Rolle spielen werden. Das wird dann durchschlagen auf nationale und globale Einheiten. So wird das System in die richtige Richtung gedrückt. Diese Veränderung wird von unten, beziehungsweise der Wirtschaft kommen.

Wie kann uns die Philosophie dabei helfen?

Indset: Es geht um ein höheres Verständnis dafür, was die fantastischen Denker in der Vergangenheit uns eigentlich sagen wollten. Beziehungsweise was würde ein Hegel, Kant, Nietzsche oder Platon denken, wenn er die technologische Ausgangssituation hätte, die wir heute haben? Wie können wir diese Gedanken nehmen und ins 21. Jahrhundert projizieren? So kommen wir zu neuen Fragestellungen und damit zu neuen Handlungsweisen.

Wie muss in Zukunft ein guter Manager sein?

Indset: Das ist Definitionssache. Der perfekte Manager der Zukunft ist ein Algorithmus. Wenn wir vom Leader sprechen, muss dieser mit Menschen umgehen können. Wir brauchen Vertrauen, Zusammenarbeit, Zulassen von Gefühlen und Fehlern. Softskills sind die Hardskills von morgen. Das ist verdammt harte Arbeit, zuzugeben, dass man nicht alle Antworten hat. Sich auf die Menschen verlassen müssen und mit ihnen den Weg zu gehen. Das schafft Kultur. Einst war die pure Kraft Grundlage für Autorität und Macht, dann kam die Informationsgesellschaft. In Zukunft ist das Herz der Erfolgsfaktor.

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