05/2017

“Mit vollem Herzen und ganzem Willen ins Zeug legen”

Er ist Mathematiker, Forscher, Manager, Buchautor und war Keynotespeaker beim letzten Digitaldialog. Omnisoph Gunter Dueck über gemachte Fehler, Aussichten und Chancen inmitten der digitalen Revolution.

 

GD-Portrait-Adobe-2015 (c) Adobe
Prof. Dr. Gunter Dueck

Wie definieren Sie den Begriff „digitale Revolution“?

Gunter Dueck: Der Begriff ist nur deshalb richtig, weil man bei uns viel zu lange viel zu wenig getan hat. Amazon ist ein gutes Beispiel dafür. Die haben zwanzig Jahre Übung in Digitalisierung. Die ersten zehn Jahre wurden sie ausgelacht, dann schaute man zehn Jahre lang zu, ob sie überhaupt Gewinn machen können und irgendwann wollten die Konsumentinnen und Konsumenten alles so schnell geliefert haben wie von Amazon. Und plötzlich ist der ganze Markt in einer erzwungenen Veränderung, die man dann als Revolution empfindet. In Wirklichkeit passierte das alles auf Ansage.

Haben wir in Europa die Digitalisierung verschlafen?

Dueck: Es gibt zwei verschiedene Seiten der Digitalisierung. Auf der einen Seite entstehen völlig neue Geschäftsmodelle, siehe Amazon oder Google. Auf der anderen Seite hilft die Digitalisierung dabei, Dinge und Verfahren zu rationalisieren. Das macht Europa schon lange. Vorreiter waren hier Banken und Versicherungen. Bestehendes effizienter machen, das tun wir in Europa richtig gerne. Bei der ersten Seite, also der Veränderung und der Erschaffung neuer Geschäftsmodelle, da sieht die Sache anders aus. Da wird die Digitalisierung wie eine Revolution empfunden. Und dann kommen auch noch Zufälle hinzu, die gewisse Dinge in Verruf bringen und so Entwicklungen massiv beschleunigen.

Zum Beispiel?

Dueck: Der Dieselskandal. Er führt dazu, dass die Leute das Gefühl haben, jetzt sollten wir mit diesem Ölverschwenden endlich aufhören und nicht so viele Abgase in die Luft blasen. Wir haben jetzt das Gefühl, wir leben im Dreck. Die Welt ist plötzlich schmutzig geworden und deshalb sind wir jetzt bereit, Elektroautos zu kaufen. Da liegt es dann nahe, die gleich selbstfahrend zu machen. Und schon bin ich mitten in einer technischen Revolution, kombiniert mit einer Internetrevolution.

Bis zum selbstfahrenden Auto ist es noch ein weiter Weg.

Dueck: Warten Sie noch ein paar Jahre. Dann kommt die richtige Revolution. Der 5G-Mobilfunkstandard mit Reaktionszeiten von einer Millisekunde. Das verändert sehr vieles. Dann können die Autos miteinander kommunizieren und ermöglichen Bremsreaktionen, die Menschen in dieser Geschwindigkeit gar nie schaffen würden. Auch im Fahrzeugbau wird sich vieles ändern. Wer braucht schwere Karosserien, wenn Autos nicht mehr zusammenstoßen?

 Gunter Dueck (c) KD BUSCHWomit rechnen Sie noch?

Dueck: In der Medizin wird sich viel tun. Laufende Echtzeitkontrollen von Herzschrittmachern, Steuerung von Diabeteswerten, Überwachung von Dialysepatientinnen und -patienten oder völlig neue Methoden in der Krebsbekämpfung. Diese Dinge kommen ruckweise durch die immer besseren Kommunikationsstandards. Einfach, weil es dann möglich ist. Im Silicon Valley gibt es übrigens schon ein paar tausend Leute, die sich damit beschäftigen, welches Business man mit dem neuen 5G machen kann. Das sehe ich in Europa leider nicht. Wir sagen so gern: „Das geht sich schon aus“ – ich fürchte, es wird sich nicht ausgehen.

Was ist mit der Datensicherheit?

Dueck: Ich war bei IBM bis 2011 Cloudmanager. Einhellige Meinung damals war: Wir müssen die Daten bei uns behalten, damit sie niemand klaut. Dieser Meinung war man aber nur in Deutschland, Österreich und der Schweiz, sonst nirgends. Wovor fürchten Sie sich? Wenn in der Cloud bei Google fremde Unternehmensdaten gestohlen würden, würde sich an der Börse die Marktkapitalsierung von Google sofort halbieren. Einfach, weil das Vertrauen weg ist. Deshalb sichert sich Google bestimmt richtig gut ab, weil das ganze Unternehmen am Vertrauen hängt.

Welche wirtschaftlichen Chancen hat Europa in der digitalen Revolution?

Dueck: Dazu ein Beispiel: Fast alle Solarzellen, die auf heimischen Dächern montiert werden, kommen mittlerweile aus China. Die Beschichtungsautomaten in der chinesischen Fabrik sind aber meist aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz. Das Massengeschäft ist in Asien oder sonst wo, der Maschinenbau bietet aber große Chancen. Vor allem durch das Internet der Dinge und die Entwicklungen der Industrie 4.0, wo plötzlich hochkomplexe Dinge möglich werden.

Stichwort Industrie 4.0: Wird es in Zukunft noch Arbeit für die Menschen geben oder nehmen uns die Maschinen alles ab?

Dueck: Körperliche Arbeit hört mit der Zeit auf. Es bleiben komplexere Arbeiten übrig, in denen man fast immer vor allem mit Menschen klarkommen muss. Pflege oder Pädagogik, zum Beispiel. Es werden auch neue Berufe entstehen in Verbindung mit selbstfahrenden Autos oder erneuerbaren Energien. Und es wird völlig neue Business-Cases geben, die Jobs schaffen.

Wie nützen wir die Chancen der Digitalisierung?

Dueck: IBM schickte mich einmal zu einem Entrepreneur-Lehrgang an die Wallstreet. Unsere armen Ideen! Uns wurde viel stärker als in der „Höhle des Löwen“ das Fell über die Ohren gezogen. Ein echter Venture Capitalist kam gleich zuerst und fragte uns, wie viel Geld wir brauchen. Ich: „Drei Millionen.“ – „Okay“, meinte der Manager, „du verkaufst dein Haus für 300.000, ich gebe dir drei Millionen und schon haben wir 3,3 Millionen für dein Business.“ Da kratzte ich mich am Kopf. Ich merkte plötzlich, wie leicht einem das innovative Geldausgeben fällt, wenn es die Firma oder die Bank bezahlt. Diese Frage ist ein guter Test: Sind Sie echt bereit, sich mit vollem Herzen und ganzem Willen ins Zeug zu legen? Das machen viele woanders, weil es ja viele Chancen gibt. Aber die nützen eben nur Leute, die es echt wollen.

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