04/2018

“Man kann seinen Verstand globalisieren, aber nicht sein Herz.”

Philosoph, Publizist und Zukunftstag-Keynote-Speaker Richard David Precht über die Auswirkungen der Digitalisierung, die Überwindung geistiger Grenzen und das Ziehen von Telegrafenleitungen.

Precht Zukunftstag impuls.st

Welche Grenzen gilt es in Zukunft zu überwinden?

Richard David Precht: Wir befinden uns in einer historischen Umbruchsituation. In Zukunft wird ein erheblicher Teil von Arbeit, die Intelligenz, Strategie und Eigenschaften vorausgesetzt hatte, die man nur Menschen zutraute, von Maschinen erledigt werden. Die gesamte Gesellschaft verändert sich in nahezu allen Bereichen. Das ist vergleichbar mit der Ersten Industriellen Revolution. Diese hat dazu geführt, dass die weit über tausendjährige Herrschaft von Adel und Kirche zu Ende ging und das Bürgertum an die Macht kam. Alle Errungenschaften, die wir heute haben, etwa parlamentarische Demokratie, Wahlrecht für alle, Gewaltenteilung, Rechtsstaat – das alles ist in dieser Zeit entstanden. Wir müssen geistige Grenzen überwinden und uns überlegen, was die optimalen Spielregeln für diese neue Gesellschaft sein könnten.

Wie könnten diese Spielregeln aussehen?

Precht: Der Wert des Menschen wird bei uns seit etwa 200 Jahren danach bemessen, was er leistet. Im Mittelpunkt steht sehr stark die Erwerbsarbeit. Wir kommen jetzt in eine Gesellschaft, in der die Menschen deutlich weniger arbeiten werden. Dieser Prozess ist seit Langem im Gang. In der Ersten Industriellen Revolution wurden 82 Stunden pro Woche gearbeitet. Heute sind es unter 40, und es werden immer weniger. Viele Berufe wird es nicht mehr geben. Wir müssen uns also überlegen, wie wir den Sozialstaat finanzieren. Die, die arbeiten gehen, können die große Zahl von Menschen nicht mehr finanzieren, die keiner geregelten Erwerbsarbeit nachgehen.

Also Bedingungsloses Grundeinkommen, finanziert durch eine Maschinensteuer?

Precht: Die Maschinensteuer wird nicht funktionieren, weil sie global eingeführt werden müsste. Wir sollten eher die Finanztransaktionen besteuern. Wenn die wohlhabenden Staaten Europas sich darauf einigen könnten, würde das ausreichen. Und ich bin sicher, dass sie das werden, weil wir alle die gleichen Probleme bekommen. Wir brauchen eine politische Diskussion darüber, wie wir das Grundeinkommen bezahlen und unter welchen Bedingungen wir es einführen können, damit wir gut gerüstet sind, wenn die große Arbeitslosigkeit kommt. Damit nicht irgendwelche Radikalen mit dämlichen Ideen an die Macht kommen.

Was wird aus den Menschen? Arbeit ist doch mehr als nur Broterwerb. Sie ist oft auch sinnstiftend.

Precht: Arbeit ist erst seit kurzer Zeit sinnstiftend. Wenn ich meinen Urgroßvätern gesagt hätte, Arbeit sei sinnstiftend, die hätten mir den Vogel gezeigt. Mein Urgroßvater hat im Stellwerk die Bahngleise umgestellt, und mein Großvater hat Telegrafenleitungen gezogen. Dass das so sinnstiftend war, glaube ich nicht. In den meisten Kulturen der Welt gilt es als sinnstiftend, keiner Arbeit nachzugehen. Es liegt also nicht an den Menschen, sondern an der Kultur. Für uns ist es nicht einfach, sich eine Gesellschaft vorzustellen, in der das einmal anders ist. Das wird sich aber verändern müssen.

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 Wie soll das funktionieren?

Precht: Das ist ein Anpassungsprozess, der schon im Laufen ist. Allein dass man sagt, Arbeit soll mich glücklich machen, sinnvoll sein, das gibt es mit stark ansteigender Tendenz erst seit den letzten 50 Jahren. Das Bedürfnis ist aber da, und vieles von dem, was sinnvoll ist und Spaß macht und glücklich, hat nichts mit Erwerbsarbeit zu tun. Für viele schöne Dinge werden wir in Zukunft mehr Zeit haben. Das ist doch etwas Gutes.

Also zukunftsfit durch Spaß und Genuss?

Precht: Eher durch Selbstbestimmung. Ich bekomme durch die Digitalisierung mehr Autonomie, muss also die richtigen Entscheidungen für mich treffen. Das ist nicht nur Spaß und Genuss. Das ist auch anstrengend, weil man ständig Angst hat, sich falsch zu entscheiden. Freiheit auszuhalten ist nicht einfach. Das wissen alle Menschen, die seit Jahren keinen Job mehr haben. Die wenigsten schaffen es noch, ihren Tag strukturiert und tüchtig zu gestalten. Man muss sich selbst Ziele setzen und die Zeit einteilen. Das ist schwierig und darauf muss man frühzeitig vorbereitet werden. Eigenmotivation und Selbstbestimmtheit werden in Zukunft eine viel größere Rolle spielen.

 Wie geht Eigenmotivation?

Precht: Die geht oft in der Schule verloren. Die meisten Kinder gehen mit fünf oder sechs gern in die Schule und sind dann, wenn sie rausgehen, froh, nichts mehr damit zu tun zu haben. Unser Bildungssystem muss sich mehr an der Eigenmotivation orientieren und nicht so sozialistische Schulen haben, wo jeder den ganzen Tag ganz genau das gleiche lernen muss. Dazu muss das Bildungssystem verändert werden. In Österreich ist das Bildungssystem übrigens etwas besser aufgestellt als in Deutschland. Nicht, dass es besonders gut wäre, es hat aber einen Vorteil: die Autonomie ist etwas größer. Ich kenne ein Projekt in der Buckligen Welt namens “Bildung wächst”. Hier haben sich mehrere Gemeinden zusammengetan, um Stück für Stück ihr Schulsystem zu verändern.

Welche globalen Auswirkungen wird die Digitalisierung haben?

Precht: Was auf China oder die USA durch die Digitaliserung zukommt, ist viel bedrohlicher als das, was auf Österreich oder Deutschland zukommt. Wir haben einen sehr gesunden Mittelstand, der gut durch die Digitalisierung kommen wird. In China, den USA oder Frankreich sind viele Berufssparten besonders ausgeprägt, die in großem Stil wegfallen werden. In Frankreich zum Beispiel arbeiten viele Menschen in der Verwaltung.

Die Industrie 4.0 wird doch auch unsere Wirtschaft betreffen.

Precht: Die großen Konzerne der Automobilindustrie in Deutschland und deren Zulieferer in Österreich wird es sicher hart treffen. Das Erfolgsmodell China wird durch die Digitalisierung Risse bekommen. Gleichzeit befindet dieser Staat sich auf dem Weg in eine kybernetische Diktatur, die die Menschen jederzeit und überall überwacht. Kein Mensch kann sich mehr frei bewegen. Dieser Umstand, kombiniert mit der Wirtschaftskrise durch die Digitalisierung, wenn man die Leute nicht mehr braucht – ich will mir gar nicht vorstellen, was dort alles Furchtbares passieren kann. Das gilt übrigens auch für die USA. Verglichen damit sehe ich Österreich und Deutschland trotz aller Umbrüche auf der Sonnenseite.

Sind Regionalität und Globalisierung nicht ein Widerspruch in sich?

Precht: Regionalität spielt eine große Rolle für die Identitätsstiftung. Wir werden in eine Wirtschaft kommen, in der ganz viele Dinge durch künstliche Intelligenz erledigt werden. Also rein rational. Auf der anderen Seite wird der menschliche Faktor immer wichtiger. Empathieberufe sind Zukunftsberufe. Wir werden immer mehr Wert darauf legen, vor Ort mit Menschen zu tun zu haben, die sich um uns kümmern. Für mich gehören Regionalisierung und Globalisierung zusammen. Regionalität als Ausgleich für die Globalisierung. Man kann seinen Verstand globalisieren, aber nicht sein Herz.

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