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Intelligente Zukunft ohne Mensch?

Digitalisierung, Industrie 4.0, autonomes Fahren – alles gut und schön. Aber ohne Künstliche Intelligenz geht gar nichts. Wie gut ist die Steiermark da aufgestellt? Eine Bestandsaufnahme.

Künstliche Intelligenz Terminator

 

Künstliche Intelligenz (KI) oder neudeutsch Artificial Intelligence (AI) ist nicht so bahnbrechend neu, wie wir uns das im Allgemeinen vorstellen. Und Science-Fiction à la Terminator ist daran sowieso nichts. Ganz im Gegenteil: wir leben schon ziemlich lang mit ihr. “KI bedeutet nur, dass wesentliche Kognitive Funktionen des Menschen zumindest für kurze Momente von einem Computer übernommen werden. Erste diesbezügliche Systeme gibt es schon seit den 1950er-Jahren”, weiß Wolfgang Kienreich, Director Business & Markets vom Know-Center Graz. “Die Methodik und Algorithmik ist an sich nichts Neues, Neu ist, dass wir heute über Unmengen an Daten verfügen und mittels Big Data Technologien und immenser Rechenpower im besten Fall in Echtzeit berechnen können.” Das Know-Center ist Österreichs führendes Forschungszentrum für Data-driven Business and Big Data Analytics. Im Allgemeinen werden drei Stufen der KI klassifiziert. In der ersten Stufe, der sogenannten “schwachen KI”, lernt das System und kann selbstständig Verknüpfungen erstellen, zum Beispiel bei der Bildanalyse. Wenn der Computer am gleichen Level wie der Mensch agiert, wäre das die zweite Stufe, die sogenannte “starke KI”. Von Singularität oder Superintelligenz spricht man, wenn die KI intelligenter als der Mensch ist und sich selbst weiterentwickelt. Von Superintelligenz sind wir weit entfernt, wie Robert Ginthör, Chief Technolgy Officer am Know-Center betont: “Momentan sind die Systeme nur in der Lage zu assistieren, nicht zu ersetzen. Wenn wir am Know-Center von Artificial Intelligence sprechen meinen wir Assistive Intelligenz.”

Künstliche Intelligenz als Unterstützung

Was solche zeitgemäßen Assistenz-Systeme leisten können, zeigt Leftshift One. Das junge Grazer Unternehmen hat sich darauf spezialisiert, dem Computer das Verstehen von Texten, Sprache und Emotionen beizubringen. Das wirklich Besondere daran: alles in der Nischensprache Deutsch. “Die deutsche Sprache ist mit ihren Fällen oder Artikeln wesentlich komplexer als die englische, in der solche Systeme schon gut funktionieren”, weiß Gründer Stefan Schmidhofer. Also wurde das System mit Hilfe sämtlicher deutscher Wikipedia-Einträge einem intensiven “Sprachkurs” unterzogen. Mit Erfolg. Leftshift One-Systeme lesen heute für Reisebüros tausende Kunden-E-Mails innerhalb kürzester Zeit und schlagen den Mitarbeitern daraus automatisiert mögliche passende Angebote vor. Sie verstehen im Call-Center Sprachbefehle bei Telefonaten und erstellen blitzschnell Lösungsvorschläge für den Agenten oder ermöglichen eine automatisierte Vorauswahl von Bewerbungen. Zwei Dinge sind für Schmidhofer wichtig: “Unsere Systeme sind eine Hilfestellung für den Menschen, wollen und können ihn aber nicht ersetzen. Und die Daten bleiben bei unseren Kunden oder in unserer privaten Cloud.” Hier hat die Globalisierung für ihn klare Grenzen. “Wir schicken die Daten auf keinen Fall weltweit herum.”

Sprachsteuerung 2.0 und Sani-Trainer im Smartphone

Auch bei Evolve.tech geht es um Sprache. In diesem Fall um Spracherkennung. Das Problem kennt wohl jeder: man will im Auto telefonieren, aber die Neben- und Hintergrundgeräusche sind so stark, dass man am anderen Ende der Leitung kaum etwas versteht. Genau diese Schwierigkeit haben auch Sprachsteuerungssysteme sehr oft. “Wir arbeiten deshalb an der Geräuscheliminierung für eine Sprachsteuerung mit hoher Präzision”, erklärt CEO Matthias Zöhrer. Die KI von Evolve kann von sich aus unterscheiden zwischen Sprache und Hintergrundgeräuschen, sogar Sprachgewirr. Matthias Zöhrer: “Unsere Technik wird in naher Zukunft in Auto, Handy, Hörgeräte oder Headsets für ganz klare Verständlichkeit und damit effiziente Sprachsteuerungen sorgen.” Bereits am Markt ist AMI, der erste sprachgesteuerte Erste Hilfe-Assistent für das Smartphone von amiflow. Der Arbeitsmediziner Michael Koppitz bemerkte bei Erste Hilfe-Trainings in Unternehmen, dass im theoretischen Unterricht den Teilnehmern alles klar war, aber: “sobald wir mit den praktischen Übungen anfingen, war die Verunsicherung groß, was genau zu tun ist.” Deshalb haben er und sein Team den AMI-Chatbot entwickelt. Er gibt über das Smartphone genaue Anweisungen sprachlich und per Video und ist als Trainingstool für Unternehmen gedacht. Die amiflow-KI lernt ständig dazu und wird permanent weiterentwickelt. Auf eines legt aber auch Koppitz größten Wert: “Sie ersetzt auf keinen Fall die Sanitäter oder den Arzt.” Überhaupt glaubt er nicht daran, dass wir in Zukunft den Arzt immer im Smartphone quasi mit dabei haben und sieht Grenzen der KI. “Vieles in der Medizin basiert auf Erfahrung, Intuition und Subjektivem, etwa der Psyche. Hier gibt es keine Daten, mit denen die KI trainiert werden kann.” Für das amiflow-Smartphone-Tool zur Hautkrebs-Früherkennung läuft gerade die Zulassungs-Studie. Das Unternehmen wird übrigens an der nächsten iCONTACT teilnehmen.

Veranstaltungstipp

Innovation vorhanden, InvestorIn gesucht? ICONTACT

Hier treffen Ideen auf Kapital und Know-how. Die nächste Pitching Session zum persönlichen Kennenlernen gibt’s am 12. Juni im Rahmen des Zukunftstages der Steirischen Wirtschaft. Anmeldung bis spätestens 12. Mai. Informationen & Anmeldung: www.sfg.at/iCONTACT/

Zukunftsfelder und autonomes Fahren

Unternehmen wie Leftshift One, Evolve Tech oder amiflow beweisen, wie tief die heimische Gründerszene schon ins Thema KI eingetaucht ist. Eine wichtige Grundlage sind natürlich Universitäten und Fachhochschulen. Einen weiteren Faktor sieht Wolfgang Kienreich: “Große Chancen für uns bietet die Industrie 4.0. Hochkomplexe Fertigung ist die Kernkompetenz unserer Industrie. Und seine Daten will jedes Unternehmen selbst in der Hand behalten und nicht unbedingt ins Silicon-Valley oder nach China schicken.” Günther Lackner, Geschäftsführer des Mikroelektronik-Clusters Silicon Alps rät zum Besetzen von Nischen. “Riesige Potenziale gibt es im Bereich der Zusammenarbeit von Mensch und Maschine, bei der automatisierten Klein- und Einzelfertigung oder im Bereich Pflege und Medizintechnik, zum Beispiel bei Exoskeletten.” Eine große Stärke in der heimischen KI-Kompetenz sieht er beim autonomen Fahren. Nicht nur die großen Player wie Magna oder AVL, auch Forschungseinrichtungen wie das Grazer Kompetenzzentrum VIRTUAL VEHICLE und die Testregion für automatisiertes Fahren ALP.Lab machen die Steiermark zum “europaweiten Hot-Spot des autonomen Fahrens”, wie es Geschäftsführer Jost Bernasch ausdrückt. Hier werden die Grundlagen dafür geschaffen, dass irgendwann einmal unsere Autos völlig selbstständig und ohne unser Zutun fahren. Dafür wird die KI mit den Erfahrungen von Millionen von Simulations-Testkilometern in einer digitalen Abbildung der Realität gefüttert. Jede nur denkbare Verkehrssituation wird hier in immer neuen Szenarien durchgespielt, analysiert und gegebenenfalls korrigiert, damit die KI lernt, zukünftig richtig zu reagieren. Ein Aufwand, der wohl nur noch in der Gemeinschaft bewältigbar ist. “Wir sind in einer Vielzahl von europaweiten Projekten und in einem Netzwerk mit über 100 internationalen Partnern, etwa Forschungszentren oder Automobilherstellern, engagiert”, erzählt Bernasch. “Für die Umfelderkennung wie Verkehrsschilder, Fußgänger oder Fahrbahnmarkierungen wird schon heute in unseren Forschungsfahrzeugen die KI eingesetzt. Teilaufgaben wie zum Beispiel Fahrplanung oder Absichtserkennung anderer Verkehrsteilnehmer sind künftige potentielle Anwendungsszenarien.”

Chancen und Risiken

Die Steiermark ist also ein Vorreiter in Sachen KI. Natürlich gibt es noch unendlich viel Potenzial und die Entwicklung hin zu einer Gesellschaft und Wirtschaft, in der die KI viele Bereiche des täglichen Lebens abdeckt, hat in Wirklichkeit gerade erst begonnen. Um in Zukunft hier in vielen Bereichen mitzumischen, ist noch viel zu tun. Gerade der Ausbildung kommt ein zentraler Stellenwert zu. Übrigens nicht nur der universitären, wie Robert Ginthör vom Know-Center betont: “Auch die Unternehmen müssen hier Verantwortung übernehmen. Gerade Institutionen wie dem Know-Center, die als Brücke zwischen Wissenschaft und Wirtschaft fungieren, kommt hier entscheidende Bedeutung zu.” Vernetzung über alle Kategorien hinweg ist wohl der beste und vielleicht auch der einzige Weg, in Zukunft beim Thema KI die Nase vorn zu haben. Deshalb bietet die Steirische Wirtschaftsförderung SFG mit ihren Netzwerken beziehungsweise dem DIGI HUB Styria passende Plattformen für effizientes KI-Networking. Auch das Netzwerk AI Styria hat sich das zur Aufgabe gemacht. Auf die Frage, inwieweit es wünschenswert sei, wenn die KI immer mehr Arbeiten dem Menschen abnimmt – Stichwort Jobkiller – antwortet Wolfgang Kienreich: “War es wünschenswert, dass die Dampfmaschine in den Bergwerken des 19. Jahrhunderts viele schwere und gefährliche Aufgaben übernahm? Alle Revolutionen bringen massive Veränderungen mit sich. Manche Berufe verlieren dadurch an Bedeutung, dafür entwickeln sich aber auch ganz Neue.” Für ihn ist klar: die Transformation der Wissensarbeit durch KI wird repetitive Tätigkeiten verschwinden lassen, die wir heute noch als Arbeit haben, uns aber eigentlich nicht als Arbeit wünschen. Dennoch bleibt der Mensch als Interpretierender und Entscheider in zentraler Rolle tätig. Festzuhalten ist: die Steiermark ist in Teilbereichen der KI schon sehr gut aufgestellt. Viele Nischen könnten noch besetzt werden und in einigen Bereichen sind Player wie das Silicon Valley oder China vorne. Hier gilt es, aufzuholen und eigene Akzente zu setzen. Eines ist aber auch klar: vor dem Terminator braucht sich niemand zu fürchten. 

 

 Susanne Urschler

Der eigentliche Kopf der digitalen Revolution ist die Künstliche Intelligenz. Die SFG weckt das Bewusstsein für deren Bedeutung. Sie vernetzt die Wirtschaft mit der Wissenschaft, vergibt Förderungen an steirische Unternehmen und bietet konkrete Qualifizierungsangebote. Dr. Susanne Urschler, Mikronetzwerke

 

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